Thursday, August 16, 2012

Richtiges Handeln

übersetzt von Erin Banks
 
Eine der am meist gestelltesten Fragen, die an germanische Heiden und Anhänger anderer heidnischer Traditionen gestellt werden, wenn wir anfangs unseren Glauben anderen erklären, ist meist häufig so etwas wie, “Also, Du glaubst wirklich an diese Götter?“ Die dieser Frage zugrunde legende Annahme ist, daß der springende Punkt von Religion und Spiritualität die Anbetung des Göttlichen ist. Sofern die Götter, an die eine Person glaubt, nicht existieren, würde das logischerweise bedeuten, daß die Glaubenssätze bezüglich dieser Götter ähnlich ungültig sind. Für den modernen Polytheisten geht es weniger darum, welchen Glauben Du hast, sondern was Du damit anfängst. 
 
Auf den ersten Blick scheint dies im Gegensatz zu Religion allgemein zu stehen. Dies darum, da die Auffassungen in unserer Gesellschaft stark von der Übermächtigkeit des Christentums geprägt werden. Seit über eintausend Jahren wurde das intellektuelle, kulturelle und philosophische Leben im Wesen durch den christlich monotheistischen Dualismus geprägt. Als Ergebnis wurden Glauben und Glaubensvorstellungen durch Othodoxie definiert, richtiges Denken, und Heterodoxie, anderes Denken. Nicht erwünschte Gedanken zu haben ist genauso gefährlich wie sündige Taten zu begehen.

Die polytheistische Praxis definiert sich jedoch anders. Die Hauptidee ist Orthopraxie, richtiges Handeln. Die Betonung auf Ethik und Praxis ist wie jemand redet und handelt, nicht wie jemand denkt oder fühlt. Orthopraxie meint, daß Rede und Handeln die beste Art sei, um den Charakter einer Person zu beurteilen.Taten sind der beste Ausdruck für die Absichten einer Person. Im Gegensatz zu Gedanken sind Rede und Taten beständig. Denken und Fühlen, die nicht ausgedrückt werden, können neu überlegt oder angepaßt werden. Taten und Rede, die vollübt wurden, können nicht zurückgenommen werden. Der Einfluß auf Menschen, die Gesellschaft und die Welt ist ein bleibender, mit bleibenden Konsequenzen, die über die Aeonen hinaus anhalten können.

Die Überordnung von der Richtigkeit des Handelns im Gegensatz zur Richtigkeit der Gedanken bedeutet, daß es eine viel größere Vielfalt in der spirituellen Orthopraxie gibt. In der Orthopraxie besteht nicht die Notwendigkeit, Menschen zu einer bestimmten Art von Ideen und Gedanken zu zwingen. Das Hauptangliegen ist, daß die eigenen Taten für das Leben des Einzelnen nützlich für ihn selbst sind, ihre Familien und die Gemeinschaft.

Im germanischen Heidentum wird dies in dem berühmten Zitat der Havamal eloquent verdeutlicht:
Vieh stirbt,
Freunde sterben,
genauso stirbt man selbst.
Aber ich weiß eines,
das niemals stirbt:
Wie das Urteil über jeden Toten lautet.

Das Harbardsljoth bietet ein ausgezeichnetes Beispiel für die Absicht des Handelns in diesem Spruch. Im Gedicht Thor und Wotan, wobei letzterer sich als Sterblicher Harbard verkleidet, üben beide sich darin, einander laut und ausdrucksvoll zu beschimpfen. Die Verse 32-39 sind hierbei das beste Beispiel für die Flut an Verwünschungen.

Am Anfang dieses Abschnitts beteuert Harbard, daß Thors Wort nichts wert ist, indem er ein Ereignis zitiert, bei dem Thor seine Hilfe zusicherte und dann letztendlich doch nicht zur Stelle war, als es darauf ankam. Thor antwortet, daß er geholfen hätte, aber daß er damit beschäftigt war, in der Schlacht auf der Insel Hlesy zu kämpfen. Harbard verhöhnt ihn dadurch, daß er sagt, daß die meisten Leute, die er getötet hätte, Frauen gewesen wären. Thor weist dies zurück, indem er angibt, “Weibliche Wölfe waren sie, und Frauen waren nur wenige zugegen.“ 
 
Dieser Abschnitt des Gedichtes veranschaulicht verschiedene Dinge. Thor und Harbards mentaler Kampf zentriert sich auf die Grundsätze ethischer Werte und Verurteilung. Harbards Anschuldigung ist ganz klar eine Anfeindung gegenüber Thors Charakter. Er argumentiert, daß Thors Wort wertlos ist, da er nicht zugegen war, als Harbard Hilfe benötigte. Thor rechtfertigt sich, indem er angibt, zu der Zeit auf Hlesy gekämpft zu haben. Sogar die sexistischen Bemerkungen bezüglich der Frauen der Berserker sagen viel aus; als Harbard forfährt, daß die Schlacht schämlich war, da Thors Gegner Frauen waren, kontert Thor, daß sie so teuflisch kämpften, als wären sie weibliche Wölfe. Seine Rechtfertigung, ähnlich der Anschuldigung Harbards, basiert auf den chauvinistischen Erwartungen und Einstellungen der damaligen Zeit.

Die gleiche Art findet sich in der Geschichte des Beowulf. Als Beowulf in Heorot eintrifft, beginnt ihr Zusammentreffen mit einem Austausch von Geschichten und Angebereien. Während dieses Austauschs stellt Unferth Beowulfs Ehrlichkeit in frage. Mit der Ausnahme der Zeilen 503-506, in der er seine Eifersucht zugibt, eine Ausnahme, die sonst mit keinem Wort im Rest des Gedichtes erwähnt wird, beruht Unferths Aussage einzig und allein auf seinem Bezug auf einem einzigen Vorfall. Er klagt, daß Beowulf nicht ehrlich ist und erinnert ihn an seine Niederlage im Schwimmwettbewerb von Breca. Beowulf antwortet, daß er nur verloren hat, da er von Meeresmonstern angegriffen worden sei und weist damit effektiv Unferths Anschuldigungen zurück.  

Dieser Austausch folgt den selben Mustern wie denen des Harbardsljoths. Mit der Ausnahme der Zeilen 503-506 ist der Dialog zwischen Beowulf und Unferth der selbe wie der von Thor und Harbard. Die Anschuldigungen bezüglich der Integrität einer Person, beruhend auf einem einzigen Beispiel, werden zurückgewiesen mit spezifischen Beispielen von Taten, nicht Gedanken oder Absichten. Der Gebrauch ähnlicher Strukturen in anderen Beispielen veranschaulicht weiterhin diese allgemein akzeptierten Standards für die Bewertung eines Charakters im Alten Norden. Die Orte, in denen diese Gedichte erschaffen wurden, wurde durch die bitteren Gewässer der Nordsee und durch zwei verschiedene Sprachen getrennt. Von den beiden Gedichten nimmt man an, daß das des Beowulf das ältere ist, da es wohl während der Zeit der Komposition des Harbardsljoths geschrieben wurde. Dies zeigt erneut, daß ein gewisser Standard zu der Zeit herrschte, trotz aller geographischer und sprachlicher Trennungen.

Die Bekehrung Islands faßt die Hauptunterschiede zwischen der damaligen Mentalität und der traditionellen religiösen Orthodoxie zusammen. Im Jahr 1000 mußte sich die isländische Bevölkerung den Gefahren eines religiösen Bürgerkriegs und dem Einmarsch des Königs von Norwegen stellen. Thorgeir, ein Rechtsprecher, welcher von den Christen sowie germanischen Heiden geachtet wurde, bot einen Kompromiß an, welcher Island Freiheit und die Freiheit aller Isländer schützen würde. Er schlug vor, daß Island sich zum Christentum bekennen würde unter der Voraussettung, daß die der polytheistische Glaube in der Privatsphäre der eigenen vier Wände respektiert und geschützt werden würde.


Für die christlichen Missionare bedeutete dies einen großen Sieg. Ihre üblichen Methoden der Zwangskonversion bestand darin, die Eliten des jeweiligen Landes auf ihre Seite zu bringen, um so die Konversion der Bevölkerung zu erzwingen. Die offizielle Bestätigung durch das Allthing war ihnen hierbei nur recht. Für die heidnischen Isländer, für die Taten mehr zählten als Gedanken, änderte sich das Leben kaum. In Island fand die Verehrung (der Götter) zumeist zu Hause statt. Die Sicherung privater Verehrung bedeutete, daß die polytheistischen Isländer ohne großartige Unterbrechungen ihre Traditionen fortsetzen konnten. Diese Entscheidung ist heutzutage noch spürbar und sie ist sogleich der Hauptfaktor der Bewahrung von Islands traditioneller Praktiken und Folklore, die der Kernpunkt der Wiederbelebung des heidnischen Glaubens sind.
Wie die Orthopraxie zeigt besteht unser heutiger Glaube mit seinen tiefen Wurzeln aus mehr als nur der oberflächlichen Verehrung uralter Götter. Die Beurteilung der Leistung ist eine fundamental andere Mentalität von der traditioneler religiöser Einstellungen. Sich auf Taten zu berufen, anstatt auf bestimmte Glaubenssätze ermöglicht einem eine größere Freiheit und ruft zeitgleich zu mehr Verantwortung auf. Der Mensch wird dafür zur Verantwortung gezogen, was er tut und nicht dafür verfolgt, was er glaubt. Im Gegenzug muß er eine Balance finden zwischen persönlichem Bedürfnis und seinen Pflichten gegenüber der Gesellschaft.
1. Havamal 78, Die poetische Edda
2. Harbardsjloth 39
3. Beowulf 399-424, trans. by Seamus Heaney
4. Beowulf 506-568
5. Beowulf 529-586

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