Sunday, November 20, 2011

Ayn Rand und Asatrú

übersetzt von Erin Banks

Als amerikanischer Asatrur habe ich viele germanische Heiden kennengelernt, deren Philosophie stark von den Schriften Ayn Rands beeinflußt ist. Rand, die Gründerin der Objektivismus-Bewegung, wetterte gegen die traditionelle Moral und Altruismus, und argumentierte, daß diese Ideale das menschliche Potential einschränkten. Die Heiden, die Rand und den Objektivismus als Einflüsse anführen, sind der Auffassung, daß die Romantisierung des rauhen Individuums ein solides Verständnis davon bietet, wie die Germanen den Menschen sahen. Sie zitieren die Sagen Heldenepen als Beweis hierfür. Ich denke, daß all dies auf einer sehr engen und selektiven Sicht der überlieferten Weisheiten beruht. Ein weiteres Verständnis der Fakten zeigt wie grundsätzlich inkompatibel Rands Ideen mit genannten Überlieferungen sind. 
 
Das beste Beispiel für diese Diskrepanz findet sich, wenn man die apokalyptischen Kämpfe beider Werke vergleicht. In Rand’s „Atlas wirft die Welt ab“ (auch bekannt als „Wer ist John Galt?“, bzw. auf Englisch „Atlas Shrugged“) haben wir Galts Streich, bzw. Streik. Geführt von John Galt organisieren sich die Protestierenden dagegen, von Gesetz und Schuld dazu gezwungen zu werden, die Früchte ihrer Arbeit aufzugeben. Die Protestierenden sabotieren wohlweislich ihre Unternehmen und stehlen sich mit ihren gepriesensten Erfindungen davon. Sie gehen niederen Tätigkeiten nach, um noch weiter den „Plünderern“ die Früchte ihrer Mühen zu verleugnen und rekrutieren auch andere für ihren Streich. Als letzterer die Gesellschaft zum Einsturz bringt, flüchten sie zur fantastischen Galts-Schlucht, um das Ende der Welt in ihre Luxus zu verbringen, frei von den Ansprüchen der „Plünderer“.
Im herben Kontrast hierzu steht das Nordische Ragnarök. Um sich für die Finale Schlacht Odins vorzubereiten, tut Er alles, was ihm nur möglich ist, um das Ende abzuwenden. Thor bekämpft regelmäßig die Riesen, um sie in Schach und fern von Midgard zu halten. Die Walküren wandern auf den Schlachtfeldern umher, um die Tüchtigen und Ehrhaften zu Einherjarn zu machen, daß sie in Ragnarök kämpfen mögen. Als der Tag der Schlacht der Götter gekommen ist, führen die Götter ihre Kriegerschar gegen die Legionen Surts an, trotz des, bzw. ihres, unzweifelhaft bevorstehenden Untergangs. 
 
Das Handeln der Götter steht im grundsätzlichem Gegensatz zu dem von Galts Protestierenden. Odin versucht, Ragnarök so weit es geht hinauszuzögern, während sein Sohn Thor sein Leben risikiert, um den Riesen Einhalt zu gebieten. Týr hält seinen Eid zu Frenrir, anstatt ihn zu betrügen, was Ihn seine Hand kostet. Diese Taten zeigen die bloße Selbstsüchtigkeit von Galts Streich. Wenn die Götter nur um Ihre eigene Haut fürchteten, würden sie einen Weg suchen, Ihrem Untergang zu entfliehen, auch wenn dies bedeuten würde, daß die anderen Welten brennen würden. Sie würden sich nicht riskanten Schlachten stellen, die kaum Aussichten auf Erfolg bieten. Stattdessen kämpfen die Götter nicht nur dafür, Ihr eigenes Ende hinauszuzögern, sondern auch das aller Neun Welten. Der Marsch der Götter in den Endkampf und Galts Protestierende stehen im absoluten Konflikt zueinander. Odin bekämpft die Feinde Asgards und Midgards anstatt fortzulaufen und sich in einer undurchdringlichen Festung zu verstecken, während die Welten brennen.
Galts Rolle im Zusammenbruch der Gesellschaft vergrößert die intellektuelle Kluft. John Galt baut nicht nur ein Rettungsboot für die Reichen und Talentierten, er arbeitet aktiv daran, die Gesellschaft zu zerstören. Der Streich war seine Idee und Das Resultat hieraus sein letztendliches Ziel. Anstatt das korrupte System zu untergraben oder das der „Plünderer“ zu ersetzen, entscheidet er sich dafür, alles trotz der Konsequenzen niederzubrennen. Das meiste, das er tut, um den Menschen zu „helfen“, die er dazu verurteilt hat, im Kollaps zu sterben, ist, die gesamte Welt per Radioübertragung für drei Stunden darüber zu unterrichten, warum sie ihr Schicksal verdienen. 
 
Die Wurzel des Konflikts liegt in den unterschiedlichen Lösungsansätzen der Frage des Leidens und seiner Konsequenz. Rand argumentiert, daß Leid verursacht wird von uproduktiven Mitgliedern der Gesellschaft, die die Erzeuger/Produzenten/Erschaffer schröpfen. Sie meint, daß die beste Lösung dieses Band zu brechen darin besteht, den „Plünderern“ zu geben, was ihnen zusteht. (Den Untergang.) Nach Rands Sicht wird das Leid dadurch besiegt, indem man sich von seiner Quelle löst und sich davon nachhaltig zurückzieht. 
 
In der germanischen Weltsicht ist eine derartige Tatenlosigkeit inakzeptabel. Es gibt kein einziges Beispiel für einen Gott oder einen Helden, der einen Widersacher besiegt oder eine Gefahr für sein Volk abwendet, indem er diese/n ignoriert, oder davor wegläuft. Wenn Gefahr im Verzug ist, ist die Botschaft der Sagen deutlich: Finde die Ursache und löse das Problem. Historische Quellen, wie die angelsächsischen Chroniken, Jordanes, Saxo Grammaticus und Sturlason, bestätigen diese Eisntellung mit einer Plethora an Beispielen. Könige und Krieger, welche ihre Feinde schlagen, werden besungen, während Vermeidungstaktiken und Leugnung dagegen als rundherum feig verunglimpft werden.
Rands Auffassung von Individualität steht auf den ersten Blick im Einklang mit der germanischen Perspektive des Einzelnen. Eine nähere Untersuchung jedoch ergibt als Schlußfolgerung die Ermutigung für Selbstsüchtigkeit auf Kosten anderer. Der objektivistische Gedanke, für den das eigene Interesse über allem steht, ermutigt den einzelnen dazu, sich von den Bedrohungen für einen selbst sowie der Gemeinschaft abzugrenzen. Dies steht im direkten Gegensatz zum beständigen Thema in den germanischen Weisheitsüberlieferungen, sich Gefahren direkt und entschlossen zu stellen. Beide weichen voneinander ab und verlangen nach Antworten, die von Natur aus gegensätzlich zueinander stehen in Verständnis und Ausführung.

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